Der Tag danach

crescent-lake-1181517_640 (1)Wer vorgestern meinen Beitrag „Durchgreifen“ gelesen hat, weiß wie ich zu kämpfen hatte. Am gestrigen Tag traf ich wieder auf die Klasse. Wieder alleine. Beim Betreten der Klasse begrüßten mich einige SuS, als wäre nichts gewesen. Glück gehabt, denn ich wollte auch nicht, dass die Beziehung endgültig gestört ist. Wie ging ich jetzt mit der Situation und dem Vortag um? 

Ich war wirklich traurig, dass die Situation so aus dem Ruder lief, denn ich mag die Klasse eigentlich total gern. Ich begab mich in die Klasse. Auf Fragen oder Ansprachen verhielt ich mich distanziert und kalt. Ich bat um Ruhe, um die Stunde beginnen zu können. Es wurde blitzschnell ruhig. Hat meine Explosion Früchte getragen? Ich wollte es dabei aber nicht belassen. Guten Morgen. Die Kinder lesen kommendes Schuljahr ein Buch (Der Klassen-King). Das Buch thematisiert die Geschichte eines neuen Jungen in der Klasse, der die Schülerschaft gut aufmischt. Ha! Das gab mir die Möglichkeit, die Ereignisse noch einmal aufzuarbeiten.

Ich stellte 2 Fragen: „Wieso störe ich den Unterricht und wie fühle ich mich, wenn ich etwas sagen möchte und andere nicht zuhören?“ Ein stiller Impuls. Die SuS sollten einen Brief an jemanden aus der Klasse oder an einen Freund schreiben. Alle – ich meine wirklich ALLE –  haben 15 Minuten total still gearbeitet. Ich habe die Stunde aber auch genauso streng angefangen, wie die Stunde davor aufhören musste.
Bevor die Kinder im Plenum vortragen durften, habe ich gefragt, ob ich nicht zu jedem Brief etwas sagen soll. Ja, bitte! Ok, Start! Ich sammelte, was zu den Störungen führt: fehlende Aufmerksamkeit, langweiliger Unterricht, gemeine und hochnäsige Lehrer/innen usw. Meine Antwort überraschte die Kinder. Ich bin da, um euch zu zuhören und jedem Einzelnen Aufmerksamkeit zu schenken, aber das klappt nur, wenn alle mitarbeiten. Den Unterricht kann ich auch „cooler“ gestalten, wenn ihr mir erstmal die Chance gebt, euch als Lernende kennenzulernen. Lehrer machen den Job nur wegen Geld?  Nein, liebe Kinder. Ich bin Lehrer geworden, weil ich Lust habe mit euch zu arbeiten. Hochnäsig? Mein Gott, egal wer mich von euch in der Stadt, Supermarkt oder sonst wo antrifft, kann rüber kommen und Hallo sagen. Alles cool! Die zweite Frage hat ein Schüler, wie er sagte, aus der Sicht eines Lehrers beantwortet:

Ich fühle mich nicht gut. Wieso hören mir die Kinder nicht zu? Ich habe doch etwas wichtiges zu sagen und möchte, dass sie etwas lernen. […]

Meine Antwort dazu? Nicht nur ich habe etwas Wichtiges zu sagen. Ihr alle habt etwas wichtiges zu sagen. Ihr alle könnt voneinander lernen, wenn ihr euch nur zuhören würdet. Meine Strenge ließ langsam nach, da ich merkte, dass die SuS gut mitgearbeitet haben. Es war eine sehr angeregte und flüssige Diskussion und ein schöner Austausch. Ich bin angekommen. Ist der Weg durch die Wüste vorbei?

Hausaufgaben mögen sie eigentlich nicht. Ich dachte, heute muss es sein. Zum ersten Mal habe ich nicht gehört, dass Hausaufgaben „scheisse“ seien. Sie sollten 5 Regeln für den Deutschunterricht erarbeiten auf Grundlage ihres Briefes. Zu jeder Regel soll für einen Verstoß eine Konsequenz formuliert werden. Kommende Stunde soll mit den Regeln gearbeitet bzw. ein Regelwerk erstellt werden. Ziel? Ein besseres Klassenklima. Evtl. können die SuS sich so auch besser auf das Buch und die dazu anfallende Arbeit einstimmen. Ich hoffe, ich konnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, um ein besseres Klassenklima zu schaffen und Empathie zu fördern.

Am Ende der Stunde verabschiedete ich jedes Kind einzeln mit Namen an der Tür und bedankte mich für die gute Mitarbeit. Sind wir an unserer Oase angekommen?

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