Schule: Lieber mit Herz

heart-526661_640Viele Referendare im Seminar erzählen, wie gut es an ihren Schulen läuft. Wenig Störungen, viel Disziplin, kein Chaos, Struktur und viel effektive Lernzeit dominieren ihren Schulalltag. All das erlebe ich selten bzw. nur in einem geringeren Maße. Was geben mir meine SuS? Dazu eine kleine Geschichte aus meinem Alltag…

Es ist 7:20 Uhr und ich betrete das Schulgelände. Die ersten SuS sammeln sich traubenartig auf dem Pausenhof. Es herrscht noch eine ungewohnte Stille. Fast zu still. Kurzzeitig wird diese von lachenden Kindern unterbrochen. Ich bin noch frisch an der Schule, doch auf dem Weg in Richtung Lehrerzimmer begrüßen mich quer über den Schulhof die ersten SuS mit einem kräftigen „Hallo, Herr *****!“ oder schlicht mit einem „Guten Morgen!“. Angekommen im Lehrerzimmer herrscht noch Durcheinander als stünde ein Countdown zum Raketenstart bevor. Mir wird wenig Beachtung geschenkt, aber das ist ok. Ich bin eh noch im Standby.

Um 10 vor 8 geht es los ins Klassenzimmer. Angeleiteter Unterricht. Doppelstunde Deutsch. Die ersten Fragen kommen. „Machen Sie heute den Unterricht?“, fragt ein Junge. Ich antworte kurz und knapp mit einem: „Jop.“ Unerwartete Euphorie bricht aus. „Ja, man…“, „Oha, wie geil…“ usw. hallt durch den Raum. Ich war doch schon einmal hier. Wieso diese Freude?! Ich verstehe nicht ganz, was hier vor sich geht, aber ich bitte erstmal um Ruhe. Die Stunde, die jetzt kommt, ist alles andere als eine „Zauberstunde“, ich lasse jedoch viel Raum für spannende Diskussionen. Die Kinder scheinen zufrieden zu sein. Zwischenzeitlich ist diese Ruhe jedoch von einem Rauschen an Geplapper unterbrochen. Ich muss einschreiten. Bin ich jetzt good Teacher oder bad Teacher? Eine Mischung?! Keine Ahnung. Ich versuche „dumme Sprüche“ zu kontern und spreche die SuS, die den Unterricht stören, direkt mit Namen an. Ok, Glück gehabt. Es wird ruhiger. Weiter geht’s.

Nach der Stunde geht es ins Lehrerzimmer und zur Pausenaufsicht. Die ersten Kinder fragen mich aus. Google weiß alles… „Machen Sie Rap-Musik?“, werde ich gefragt. Gekonnt ignoriere ich diese Frage mit einem „Guten Morgen, lieber Tim.“ (Name geändert) Ich kämpfe mich durch. Die nächste Gruppe begrüßt mich mit der sog. Ghettofaust oder auch Fistbump. Nicht auf eine lächerliche Art und Weise. Nein. Die meinen das verdammt ernst. Cool.
Auf dem Schulhof angekommen zur Aufsicht, kommen die Ersten zu mir. Berichten von ihrem Wochenende, ihrem Nachmittag oder was sie gerade für neue verbotene Spiele auf der Xbox spielen. Ich arbeite mich durch zu den Jungentoiletten, die ich noch aufschließen muss. Alle älteren Schüler stehen in Reih und Glied, die sonst so chaotisch sind, und begrüßen mich total freundlich auf ihre eigene besondere Art: „Was geht, Herr *****?“, „Alles Fresh?“ oder „Wie läuft’s?“ Weitere SuS suchen mich auf und berichten von ihren Unterrichtsstunden, zeigen mir ihre Panini-EM-Sticker und erklären mir TapTap, ein Sticker-Tausch-Spiel bei dem es auch mal zur Sache geht.

Freistunde. Ich schlendere durch die leeren Flure. Ein Junge aus meiner Deutschklasse sitzt wieder vor der Tür. Ich setze mich zu ihm und frage, was schon wieder los sei. Schnell schweifen wir ab und reden über Kollegah, Nimo sowie Bushido, über die anstehende Europameisterschaft im Fußball und welches Team wohl das beste sei. Alter, was machst du hier? Ja genau, was mache ich da gerade, frage ich mich. Wir reden hier über Dinge mit denen ich aufgewachsen bin und die er und vermutlich alle anderen in seinem Alter auch kennen. Ich muss mich verabschieden und weiter. Der Junge beteuert, wie sehr er sich auf die nächste Stunde mit mir freut und möchte mir ebenfalls einen Fistbump geben.

Schulschluss. Die Lehrer/innen ergreifen die Flucht. Ich bummel gemütlich ins Lehrerzimmer, da ich noch die letzten Stühle im Klassenzimmer hochstelle. Ich gucke an meinem Platz angekommen auf den Plan und sorge dafür, dass mein Platz im Lehrerzimmer ordentlich verlassen wird. Dazu ordne ich meine Materialien und Bücher, die ich teils in meinen Schrank umlagere. Auf dem Schulhof verabschieden mich lautstark die SuS, die heute den Nachmittagsunterricht genießen dürfen. Bis morgen.

Warum bin ich da, wo ich bin glücklich? Auch die schlimmsten SuS, die massiv den Unterricht stören, schenken mir immer ein Lächeln, wenn sie mich sehen. Sie alle wollen Nähe, wollen von mir erfahren und von sich berichten. Sie möchten witzig sein und mich zum lachen bringen. Klappt natürlich nicht immer. Das sei an dieser Stelle gesagt. Was zeigt denn bitte mehr als das, dass mich die SuS akzeptieren und mögen, auch wenn sie meine Autorität manchmal untergraben wollen?!

Sie sind ungeschliffene Steine. Mal sind sie etwas grober, haben glatte Seiten oder Ecken oder Kanten, die scharf sind. Sie sind groß oder klein. Sie haben alle möglichen Farben und Formen, aber sie tragen alle das gleiche Merkmal: Das Herz ist am rechten Fleck.

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2 Gedanken zu “Schule: Lieber mit Herz

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